eine Antwort

Juli 30, 2007

Dr. Barcha,

B)

Die Hamas konnte lange Zeit auf die Unterstützung Israels hoffen

Und was soll das fuer heute bedeuten? Israel kann keineswegs die “Genese” der Hamas als Ganzes angelastet werden, deren Wurzeln sind ganz eindeutig die Muslimbruderschaft. Dass Israel eine Zeitlang blind genug war, das gewalttaetige Potential dieser Ideologie zu unterschaetzen, macht es nicht zum Gruender oder Verantwortlichen der Hamas.

C)

und Sie sollten fairerweise auch sagen, dass israelische Politiker einen atomaren Schlag gegen Teheran in Erwägung ziehen.

Welche Quellen haben Sie, dass Israel einen atomaren Schlag gegen Teheran in Erwaegung zieht? Dafuer gibt es meines Wissens nur diesen einen Artikel in der Sunday Times. Israel hat dementiert, und Experten halten den Bericht fuer nicht glaubwuerdig.

Bitte beachten Sie, dass es im ganzen Nahen Osten und allen seinen Konflikten nur so von falschen Faehrten und gezielten Falschmeldungen wimmelt.

D)

Eines muss ich weiters feststellen: Die jetzige Begeisterung Israels für die Fatah ist schon bezeichnend.

Gegen die jetzige Begeisterung der israelischen Regierung fuer die Fatah schreibe ich auf meinem Blog schon eine Weile lang an und ich bin nicht die einzige Buergerin, die diese Politik sehr bedenklich findet. Mein Eindruck ist, dass Olmert da auch weitgehend auf Bush Ruecksicht nimmt, der wiederum den diplomatischen Prozess braucht, um die arabischen Staaten staerker einzubinden.

E)

Da sind wir uns also einig, die harten Nüsse müssen beide Seiten einmal knacken, und dies kann nur dann erfolgen, wenn sie über ihren Schatten springen

Hierzu moechte ich den Artikel von Shlomo Avineri verlinken. Wie er ausfuehrt, fehlt es den Palaestinensern an Strukturen, die als Grundlage fuer einen nationalen Diskurs und eventuelle Kompromissbereitschaft unverzichtbar sind. Hamas ist derzeit fuer die Palaestinenser die legitimere Fuehrung, aber auch deren Legitimation ist nicht ausreichend, als dass sie einen Wechsel in ihren Zielen und ihrer Strategie auch nur einleiten koennte. Vgl. die verschiedenen innerpal. Umfragen.

F)

der Ausschluss der übrigens demokratisch legitimierten Hamas führen wird

Die Hamas ist nur sehr bedingt demokratisch legitimiert. Ausgeschlossen hat sie sich selbst. Die Grundlage fuer jede internationale Kooperation ist die gegenseitige Anerkennung sowie der Grundsatz “Pacta sunt servanda”. Ohne diese minimale Basis sind keine Gespraeche moeglich.

Anerkennung der Hamas?! Hamas wird sehr wohl anerkannt und zwar als Terrororganisation von Kanada, der EU, Israel, Japan, und den USA.
Israel kann nur solange als “Wahlhelfer” der Hamas gesehen werden, als unhinterfragt akzeptiert wird, dass in der Bevoelkerung nur eine moeglichst harte Linie gegenueber Israel ankommt. Aber warum ist das so?


Terrorismus – Staatsterror

Juli 29, 2007

Defining Terrorism: Is One Man’s Terrorist Another Man’s Freedom Fighter?

Ich wuerde gern diesen Text in die Diskussion einfuehren.

Mir leuchtet die dort vorgeschlagene Definition ein: Terror entspricht dem, was in einem konventionellen Krieg als Kriegsverbrechen definiert ist. Der Unterschied zwischen Staat oder nicht-staatlichen Organisationen spielt dabei keine Rolle.

„Staatsterror“ wird haeufig verwendet, um den Umgang eines Staates mit den eigenen Buergern zu beschreiben. Dieses Verstaendnis muessen wir bei der vorliegenden Definition aussen vor lassen.


Palaestinensiches Narrativ oder pal. Propaganda?

Juli 26, 2007

In seinen Kommentaren zu „Philosophie/pal. Narrativ“ schreibt Dr. Barcha

Die andere Seite empfindet das, was Sie als Gewaltreaktion Israels bezeichnen, schlicht als Staatsterrorismus und ist sich der Übermacht Israels (nicht zuletzt dank der Unterstützung Europas & Amerikas) voll bewusst. Das Bewusstsein dieser Unterlegenheit manifestiert sich in den Zahlen der Toten und Verwundeten. Aber es führt nicht zur Resignation. Die Tatsache, dass jeder in Gaza und woanders jederzeit ein potenzielles Ziel von Todesgeschossen ist, muss notwendigerweise die Bereitschaft zum Sterben senken; denn der Tod ist unter diesen Umständen eine Realität, die aus heiterem Himmel eintritt. Seine Allgegenwart führt jedem vor Augen, dass man nichts zu verlieren habe – warum also nicht kämpfen?
Wenn Sie sich nicht erklären können, woher die Kampfmotivation trotz objektiver und subjektiver Unterlegenheit herrührt, dann mag dies darin liegen, dass Sie über die Lebenslage der in Gaza und anderswo Eingeschliossenen keine wirklichkeitsnahen Vorstellungen, geschweige denn Empfindungen haben – was gibt Ihnen das Recht, für sie zu sprechen, was, deren Reaktionen mit Ihren eigenen Massstäben zu beurteilen?

Ich empfinde diesen Text als Beleg dafuer, dass Dr. Barcha tatsaechlich das pal. Narrativ vertritt. Er beginnt seine Ausfuehrungen noch mit etwas Abstand, als referiere er die Sichtweise „der anderen Seite“, doch wird im weiteren Text deutlich, dass dies auch seine Sichtweise ist. Er spricht Manfred ab, ueber die Palaestinenser zu sprechen, weil er keine „wirklichkeitsnahen Vorstellungen, geschweige denn Empfindungen“ habe. Offensichtlich meint Dr. Barcha, dass er diese wirklichkeitsnahen Vorstellungen und Empfindungen hat. Den Hinweis im besonderen auf die Empfindungen lese ich als Identifikation.

Allerdings ist mein Eindruck, dass Dr. Barcha nicht die Einschaetzungen und Empfindungen der Palaestinenser im Gazastreifen teilt, sondern die Sichtweise der westlichen, anti-israelischen Linken.

Auf die mE falsche Erklaerung von Selbstmordattentaetern und aehnlichen Phaenomenen durch die „Linke“ (die Anfuehrungszeichen sollen signalisieren, dass ich mir bewusst bin, hier eine eigentlich unzulaessige Vereinfachung vorzunehmen), bin ich in diesem Blog schon eingegangen:

Eine Praemisse des heute weithin geltenden Menschenbilds (oft mit “links-progessiv” identifiziert) ist, dass Menschen in ihrer psychischen Grundstruktur so gut wie identisch sind. Diese Praemisse habe ich auch bei Grossman und Oz identifiziert. Wenn nun Menschen mehr oder weniger identisch ticken, dann muss moeglich sein, von sich auf andere zu schliessen, sich in jemand hineinzuversetzen und auf diese Weise seine Motive zu verstehen.

Ein “links-progressiver” Mensch, der versucht, auf diese Weise die Motive eines Selbstmordattentaeters zu verstehen, kann nur eine einzige Emotion finden, die ihn in solcher Weise handeln liesse: Auswegslose Verzweiflung. Dieses Motiv wird Terroristen untergeschoben, weil andere Erklaerungen mit dieser Praemisse nicht vereinbar sind.

Die Praemisse ist mE falsch. Ich habe schon oft zu Dr. Sanity, Kohuts Theorien zu Narzissmus usw. verlinkt: Hier noch einmal ein kleiner Ausschnitt:

From a psychological perspective then, the freedom and empowerment of women in society are absolutely critical because they are responsible for the earliest environmental influences on children–influences that will impact the child throughout his or her life. If the society has little respect for women and regularly demonizes, debases or humiliates them, it will have a profound generational impact.

(…)

A culture that is viciously misogynistic creates both men and women who are severely dysfunctional in almost every sphere of human activity.

Ich bin eigentlich zuversichtlich, dass keiner meiner Leser mich nun als Rassistin beschimpfen wird (und das spricht fuer Bloggen und gegen Foren!), aber vorsichtshalber noch die Anmerkung. Solche psychischen Strukturen haben nichts mit dem genetischen Set-up von Menschen zu tun. Sie sind kulturell erworben.

Fuer meine Auffassung kann ich einen zionistischer Sympathien unverdaechtigen Zeugen anfuehren. Hamas spokesman questions if violence is Palestinian ‘disease’

Ghazi Hamad, a senior figure in Hamas and spokesman for the Hamas-led government, published an article on Tuesday condemning internal violence and questioning whether it has become a „Palestinian disease“.

(…)

Auch in Saudi-Arabien gibt es Wissenschaftler, die sich aehnliche Gedanken machen:

Two articles that appeared approximately a year apart in the Saudi daily Al-Watan, by Hamza Qablan Al-Mozainy, a lecturer at the Department of Arabic Language and Literature at King Saud University in Saudi Arabia, examined the „culture of death“ in Saudi schools and the role that teachers play in disseminating it.(1) (…)

On March 27, 2003, the Saudi daily Al-Watan published Al-Mozainy’s first article on the subject, titled „The Culture of Death in Our Schools:“

(…)

„A possible reason for this method of preaching is that it is the beginning of the path that leads to the recruitment of supporters. A youth’s absorption of the idea of death makes them abstain [from the pleasures] of this world and apply themselves more to religious activity, which can be managed by people with hidden goals. The distance is short from absorbing the idea of abstention from the life [of this world] and adapting to the idea of death, to the youth’s becoming convinced that as long as he is going to die [anyway], this death must be ‘for the sake of Allah?’

„Thus, many youths are the victims of some extremists who exploit them for the purpose of carrying out certain operations which [the extremists] make them believe are Jihad [operations].“

(…)

One year later, on May 6, 2004, Al-Mozainy published another article on the subject, also in Al-Watan, titled „The Culture of Death Still Lives:“

(…)

Dr. Abd Al’Aziz Al-’Omar, dean of the Faculty for Education in Riyadh, wrote in an article in the Saudi daily Al-Jazirah titled „Studying Death:“ „Last week my son called me from the principal’s office at his school, to tell me that that morning his class had decided to visit the place where the dead are washed, and that the previous week they had visited a convalescent home…

„The question arises: Can we ensure the child’s emotional and mental balance if we teach him about death? Must the school teach its pupils about death? Is it necessary to take our children to mourning and burial ceremonies? Is it necessary to take them to the rooms for medical treatment, so they can watch the moments between life and death? Aren’t we afraid that the schools are diligently showing the schoolchildren the phenomenon of death, at a level that makes them abstain from and flee the life [of this world], and be contemptuous of the innovations and achievements of this world?“(7)

Und noch jemand von der „anderen Seite“, der sich ueber die Anfaelligkeit der arabisch/muslimischen Welt fuer Extremismus Gedanken macht:

(…)

If there are people in the Muslim world preaching ignorance and hatred, why are there those who listen to them? Why do they keep finding more and younger people willing to wreak such pain and horror?

The social and economic problems in the Islamic world have surely contributed to fermenting this ideology, as have the daily injustices they witness in Palestine and other Islamic nations. However, all these problems could have been dealt with or at least addressed reasonably if the Islamic world wasn’t already suffering from a very advanced state of fossilization which has been going on for centuries.

Maybe these terrible attacks in Saudi Arabia and other places will force us finally to face our own faults. Even though colonialism, both physical and cultural, did and still does exist in the Islamic world, it is not the only cause of the Al-Qaeda phenomenon. This phenomenon is a result of a combination of both external pressures and internal defeats.

(…)

The question has to be asked why there are young boys willing to kill themselves and others? Why do we have Saudis willing to go against their tradition and all they have been taught to cause such chaos? And to what end? For decades we have been avoiding these questions and we have been evading those who hold such beliefs thinking that no one in his right mind could truly listen to them. We — and by we I mean not just the government but the people — never thought that these beliefs could one day take root in our country and the world and hold us all hostage to a monstrous vision of hate and destruction.

(…)

Die Texte aus Saudi-Arabien sollten eigentlich die These, dass Israel die pal. Kultur der Gewalt produziert habe, bereits widerlegen. Saudi-Arabien war in keinen Krieg mit Israel verwickelt und hatte nie unter israelischer Besatzung zu leiden, trotzdem scheint sich auch dort eine Kultur entwickelt zu haben, die mit der pal. Verherrlichung des Todes und der Shahada einiges gemeinsam hat.

Ich fuerchte, Dr. Barcha ist nicht bereit, sich so weit zu oeffnen, dass er meine Thesen einer Diskussion wuerdigen koennte. Bereits meine vorsichtigen Anmerkungen zu seinen Praemissen lassen ihn eine Diskussion fuer unmoeglich halten.

Schade!


Praemissen (in der Diskussion mit Dr. Barcha)

Juli 25, 2007

In seinem Kommentar zu „Philosophie/pal. Narrativ“ formuliert Dr. Barcha, was er seine Praemissen nennt:

Beide Seiten des Konflikts haben sich unendlich viel Leid zugefügt und werden es vermutlich in den kommenden 60 Jahren auch weiterhin tun, wenn sie nicht von ihren unhaltbaren Maximalforderungen und Manichäismen abrücken.

Beide Seiten sind mit Blindheit beschlagen; Extremisten und Terroristen nur auf einer Seite zu sehen – diese Sicht scheint mir falsch zu sein, genauso wie jene, die versucht, ihr eigenes Leid zu verabsolutieren oder Fakten aus Vergangenheit und Gegenwart einseitig für sich in Anspruch zu nehmen.

Pauschale Einteilungen wie hier die Selbstverteidiger, dort die Terroristen; hier die legitimen, dort die illegitimen Forderungen lehne ich ab. Von Fall zu Fall wäre zu erwägen, was eher vorliegt. – Aber an einer solchen buchhalterische Akribie habe ich kein Interesse.

Ich werde gleich naeher darauf eingehen. Zunaechst schulde ich ihm, meine eigene Ausgangsposition zu klaeren. Dazu zitiere ich mich selber aus zwei Beitraegen, die ich vor Jahr und Tag im HaGalil Forum geschrieben hatte:

am 01. Dezember 2005 – 10:22 Uhr

Du siehst politisches Engagement als moralische Anforderung, die Du an Dich selbst richtest, habe ich das richtig verstanden?

Zwar siehst Du die Notwendigkeit, Dich ausreichend zu informieren, doch scheint der moralische Winkel von Anfang an festzustehen. Geht das denn? Wie kannst Du denn so sicher sein, dass alles, was unter der Flagge „Antifaschismus“ segelt, wirklich die moralisch ueberlegenere Position ist? Ist es nicht bereits Narzissmus, von der eigenen moralischen Ueberlegenheit a priori ueberzeugt zu sein?

Meine Herangehensweise ist anders (nicht unbedingt besser): Ich moechte fuer mich selbst verstehen. Politisches Engagement leitet sich fuer mich daraus noch gar nicht ab. Das ist natuerlich der moralische Schwachpunkt bei mir. Andererseits bin ich – seit es mir um’s Verstehen geht – einfach wirklich noch nie zu einwandfreien Ueberzeugungen gekommen. Je mehr ich weiss, um so unsicherer erscheint mir alles: Keine gute Grundlage fuer politischen Aktionismus.

und ein Jahr spaeter 06. Dezember 2006 – 14:33 Uhr:

Mein Motto hatte ich ja schon einmal zitiert:Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten.

1) Fakten existieren unabhaengig von unserer Wahrnehmung.
2) Unsere Persoenlichkeit, unser Standpunkt, unbewusste Wuensche etc. beeinflussen unsere Wahrnehmung der Fakten.
3) Daher ist es noetig, moeglichst verschiedene Darstellungen und moeglichst die Originalquellen zu lesen.
4) Es ist auch noetig, die eigene Position mit zu reflektieren und wo moeglich, eigenem „Bias“ entgegen zu steuern.

Die obigen Punkte und noch ein paar mehr fasse ich unter dem Stichwort „intellektuelle Integritaet“ zusammen.

5) Fuer mich finde ich die Diskussion mit Menschen sehr fruchtbar, die unterschiedliche Sichtweisen haben, aber sich ebenfalls intellektueller Integritaet verpflichtet fuehlen.

Zu den Praemissen von Dr. Barcha: Die erste Praemisse fuehrt Behauptungen ein, die so nicht einfach postuliert werden.

  • Es handle sich um einen Konflikt zweier Parteien.

Dem widerspreche ich und halte dagegen, dass deutlich mehr als zwei Seiten in diesen Konflikt verwickelt sind. „Araber“ koennen nicht als Ueberbegriff fuer eine Konfliktpartei verwendet werden, dazu sind die Interessen von Aegypten, Syrien, Libanon und Jordanien (um nur mal die Anrainerstaaten zu nennen) zu unterschiedlich.

  • Beide Seiten vertraeten unhaltbare Maximalforderungen.

Das Ziel Ausloeschung des Staates Israel wuerde ich tatsaechlich als unhaltbare Maximalforderung sehen. Aber wird dieses Ziel tatsaechlich von allen arabischen/muslimischen Parteien des Konflikts geteilt? Welche unhaltbare Maximalforderung gaebe es auf israelischer Seite? Das Ziel als demokratischer Staat mit einer juedischen Bevoelkerungsmehrheit in halbwegs sicheren Grenzen existieren zu koennen, erscheint mir nicht ueberzogen.

  • Beide Seiten haetten eine manichaeische Sichtweise

Was Israel angeht, bestreite ich das ganz entschieden. Den Diskurs der verschiedenen politischen Lager, die „neuen Historiker“ usw. erlebe ich zu nahe und unmittelbar, als dass ich in Israel die Herrschaft von Schwarz-Weiss-Denken behaupten koennte.
Auf der arabischen Seite ist der Diskurs sehr viel weniger oeffentlich, was natuerlich auch an den Staatsformen liegt. Und weil ich kein Arabisch kann, stehe ich auch vor einer Sprachbarriere. Immerhin habe ich ein paar Blogs von Buergern arabischer/muslimischer Laender gefunden, die eine wesentlich komplexere Sichtweise vertreten.

Auch mit dem Schlussatz kann ich nicht umgehen. Wir sind uns einig, dass eine Aufteilung in Schwarz-Weiss nichts bringt. Wenn wir aber nicht die Einzelheiten akribisch betrachten, werden wir kaum zu einer angemessen differenzierten Beurteilung in der Lage sein. Und genau diese Akribie moechte Dr. Barcha nicht leisten. Die richtige Konsequenz waere dann mE auf eine Beurteilung zu verzichten, was er aber auch nicht tut.


Vorschlag an Dr. Barcha

Juli 25, 2007

Sie schreiben in Ihrem Kommentar unter „Israelismus/Anti-Israelismus“

denn den Staat lehne ich nicht ab, sondern bloss die politisch-militärischen Doktrinen der israelischen Führung (und vieler anderer Länder!!!!).

und unter „Philosphie/pal. Narrativ“

Am Liebsten wäre es mir, wenn wir von den einschlägigen Begriffen abrücken und wenn wir versuchen würden, ein anderes ABC zu verwenden, andere Worte, Ausdrücke, die nicht mehr die konnotative GEWALT der abgegriffenen Begriffe transportieren. “Wir müssen wahre Sätze finden” hat die österr. Lyrikerin Ingeborg Bachmann gesagt. Und dieses Ziel – so mein Gefühl, meine Erfahrung, mein Denken – lässt sich nur durch ein Abrücken von der üblichen Nahost-Terminologie erreichen. Längst sind die kursierenden Begriffe zu Trojanischen Pferden mutiert, weil die Tendenz vorherrscht, jeden Andersglaubenden als einen potenziellen Feind zu betrachten.

Ich stimme Ihnen vollkommen zu: der Nahostkonflikt und seine Terminologie sind sehr beladen. Ich bin direkt involviert, Sie moegen sich weniger direkt betroffen fuehlen, aber ganz ohne emotionalen Belast treten auch Sie nicht in eine Diskussion zu Nahost ein. Ich unterstelle ausserdem allen Deutschen, dass sie ebenfalls emotional involviert sind.

Da Sie festhalten, dass die politisch-militaerische Doktrin, die Sie an Israel ablehnen, auch in vielen anderen Laendern zu finden ist, schlage ich vor, dass Sie eins oder mehrere solcher Laender nennen und anhand dieses Beispiels ausfuehren, was Sie genau meinen. Durch das Abloesen vom konkreten Nahostkonflikt koennen wir vermutlich leichter sachlich bleiben.

P.S. Vielleicht sollte ich noch in aller Deutlichkeit festhalten, dass ich nicht daran interessiert bin, die konkreten Vorgaenge durchzukauen. Arabische Abstammung macht Sie noch weniger zum Experten als mich mein Leben in Israel. Mir geht es darum herauszufinden, in welcher Weise unsere Herangehensweise unterschiedlich ist und was der Grund fuer diese unterschiedliche Sichtweise sein koennte.

Fuer mein Teil wuerde ich gern jeden Interessierten zum Mitdiskutieren einladen. Das ist natuerlich der Grund, warum ich die Diskussion in meinem Blog eingeleitet habe, anstatt es per e-mail Korrespondenz zu versuchen. Wie stehen Sie dazu?


Israelismus und Anti-Israelismus als Elemente der Identitaetsstiftung

Juli 24, 2007

Bei Wolffsohn (s.u.) habe ich die Definition von Israelismus als Israelorientierung bei Diasporajuden gefunden. Wolffsohn sieht diese Orientierung als Element, mit dem die juedische Identitaet gestiftet werden soll bei Menschen, die weder zur Religion noch zur juedischen Geschichte einen echten Zugang haben. Dieser Mangel wird von Wolffsohn als Merkmal des modernen Menschen an sich gesehen.

Die nichtreligioesen Diasporajuden haben keine eigenstaendigen, juedischen Inhalte mehr. Sie sind negativ fremdbestimmt.

(Hervorhebung im Original)

Israel, die Religion oder das Nichts. Das ist die Kurzformel juedischen Seins heute. (…) Es gehoert zur tragischen Absurditaet diasporajuedischer Existenz, dass allein der Holocaust fuer die nichtreligioesen Diasporajuden das juedische Nichts ausfuellt und somit als einizger Stifter juedischer Existenz bleibt.
Diese Holocaustfixierung der nichtreligioesen, also der meisten Diasporajuden, hat weitreichende Folgen fuer das Verhaeltnis zu Deutschland: Sie nehmen das neue Deutschland der Bundesrepublik eigentlich immer noch als das alte, nationalsozialistisceh und strukturell judenmoerderische wahr. Das ist kein Antigermanismus oder Deutschenhass, sondern die verzweifelte und verstaendliche Suche nach juedischer Identitaet.

(Hervorhebung von mir)

Anti-Israelismus, wie bei Guenther Jacob (s.u.) definiert, beruht auf speziell deutschen Beduerfnissen. Bei Dr. Barcha geht das in Aus, schliesslich ist er nicht deutscher Abstammung (welche Staatsangehoerigkeit er hat, weiss ich nicht).

Die These, dass Anti-Israelismus bzw. Antizionismus (in beiden Faellen meine ich damit die Ablehnung des Staates Israels an sich) das konstituierende Element pal. Identitaet darstellt, ist weder neu noch gewagt.

Koennte es sein, dass Anti-Israelismus auch ein identitaetsstiftendes Element fuer Menschen aus anderen arabischen Laendern darstellt? Die Ablehnung des Staates Israels war – wie in der Konferenz von Khartoum und ihren drei Neins erkennbar – bis zu Camp David und dem aegyptisch-israelischen Frieden 1978 die Klammer um die arabischen Staaten. Dass sie noch immer eine solche Funktion hat, laesst sich aus der sog. Saudi-Friedensinitiative ableiten: Als Gegenleistung fuer Territorium wird Israel die Anerkennung seines Existenzrechts angeboten.

Koennte es nicht sein, dass Anti-Israelismus gerade bei Arabern in der Diaspora auch nicht Judenhass bedeutet, sondern ein Versuch der Identitaetsfindung? Koennte dieser Versuch nicht ebenfalls um so verzweifelter ausfallen, je weniger sich die Betreffenden ueber ihre Religion und ihre Kultur (Geschichte) definieren koennen?

Herr Dr. Barcha?


Was ist „Israelismus“; und in welchem Kontext wird der Begriff verwendet?

Juli 24, 2007

Dr. Fady Barcha hat noch einen weiteren Kommentar bei der NZZ geschrieben. Im Grossen und Ganzen sagt er, was er auch hier ausgedrueckt hat. Interessant finde ich, dass er den Begriff „Israelismus“ einfuehrt.

Moeglicherweise wollte er damit ein Pedant zu „Islamismus“ bringen, den ich vorher erwaehnt hatte. Islamismus ist ein weithin verwendeter Begriff, mehr oder weniger synonym dafuer wird vom „politischen Islam“ oder auch (polemisch) vom Islamfaschismus gesprochen. Diese Begriffe dienen dazu, zwischen der Weltreligion Islam und den Terrororganisationen und ihren Ideologien, die sich auf den Islam beziehen, zu differenzieren.

„Israel“ ist keine Weltreligion, sondern ein Staat. Die Religion wird normalerweise als Judentum bezeichnet und Ablehnung des Judentums laeuft unter der Bezeichnung Anti-Judaismus.

Der Staat Israel hatte zumindest in seiner Gruendungsphase eine nationale Bewegung, die mit etwas Strecken als Ideologie definiert werden kann, der Begriff dazu ist Zionismus. Inzwischen wird in Israel selber haeufig vom Postzionismus gesprochen, von einer einheitlichen Staatsideologie kann nicht die Rede sein. „Anti-Zionismus“ fuer Ablehnung des Staates Staates hat sich schon laengst eingebuergert.

Sollte es Herrn Dr. Barcha um diejenigen gehen, die israelische Interessen vertreten? Auch da gibt es innerhalb Israels wenig Konsens, was unsere Interessen sind, wenn wir von dem grundlegenden Konsens, dass Israel ein Recht hat zu existieren und weiter existieren soll, einmal absehen. Auch andere Staaten haben Interessen, trotzdem ist mir z.B. „Schweizerismus“ oder „Helvetizismus“ (um anstaendig zu latinisieren) noch nicht begegnet.

Wikipedie kennt nur den Begriff „Anglo-Israelismus“ und beschreibt ihn als Ideologie, wonach sich die angelsaechsische Bevoelkerung von den verlorenen 10 Staemmen Israels ableitet. Ich kann mir nicht ganz vorstellen, dass Dr. Barcha derartiges im Sinn hat.

Ansonsten finde ich nur den Begriff „Anti-Israelismus“, bei dem ziemlich klar ist, dass er auf Antisemitismus und Antizionismus aufbaut.

In diesem Essay beschreibt Guenther Jacob ihn so:

(…)

Dieser Anti-Israelismus hat einen anderen diskursiven Hintergrund und eine größere Wirkungsmächtigkeit als der gesellschaftlich marginale linke Anti-Zionismus der 70er Jahre oder die (damals vom Westen verurteilten) Vergleiche Israels mit dem nationalsozialistischen Deutschland in der SED-Propaganda. Die Gefahr des aktuellen Anti-Israelismus besteht zum einen in seiner unmittelbaren Auswirkung auf die Sicherheit Israels (EU-Gelder für Israels Gegner, Boykottdrohungen). Seine spezifische Aggressivität besteht jedoch in dem Versuch, den Juden die „Verfügung“ über die „Lehren aus Auschwitz“ zu entwinden, deren bedeutendste die Gründung Israels war.

(…)

Herr Dr. Barcha, was meinen Sie?

Update: Bei Michael Wolffsohn „Geschichte als Falle. Deutschland und die juedische Welt“ (2005) finde ich eine knappe Definition von „Israelismus“:

Israelismus, die Israelorientierung der Diasporajuden

. Wolffsohn haelt auch fest

Israelismus ausserhalb Israels ist eine Absurditaet

Worin wuerde sich „Israelismus“ in Israel von dem normalen politischen, gesellschaftlichen und kulturelle, Diskurs in anderen Laendern unterscheiden? Es gibt ja nun wirklich auch viele Auslandsschweizer – ich bekomme selber die eigens fuer Auslandsschweizer veroeffentlichte und gratis verschickte Zeitschrift. Waere die Orientierung auf die Schweiz durch Doppelbuerger in anderen Staaten das Pendant zu Israelismus im Sinn von Wolffsohn?


Philosophie und pal. Narrativ an der Universitaet Zuerich

Juli 23, 2007

Wenn mich der Hafer sticht, schreibe ich Leserkommentaren zu Berichten ueber Nahost in deutschsprachigen Zeitungen. Dabei lese ich regelmaessig nur die NZZ, die Welt, die Zeit und gelegentlich die Sueddeutsche (Aus Nostalgie, sie war mal gut.)

Erst seit kuerzerem hat die NZZ die Moeglichkeit eingerichtet, Artikel online zu kommentieren. Vorher schrieb ich konventionelle Leserbriefe, die mitunter zur Korrespondenz mit dem entsprechenden Journalisten wurden. Ein Beispiel dafuer findet sich auch im Blog.

Gestern habe ich diesen Artikel kommentiert: Olmert spricht von Abzug aus Westjordanland. Dabei habe ich vor allem auf die ersten beiden Kommentator reagiert, die mir (vielleicht bin ich da uebersensibel) deutliche antisemitische Untertoene zu haben scheinen.

Ernst Frieden zeichnet das Klischee der Landraeuber, und Fady Barcha stimmt ihm zu und steuert das Klischee der Israel gegenueber unfreien Medien bei.

Heute wurde ich ein bisschen neugierig – nicht zuletzt weil Fady Barcha sich selbst ueber die Aehnlichkeit unserer Nachnamen geaeussert hat – und ging den Namen nach.

Ernst Frieden ist ein Spinner aus Langnau am Albis. Auf seiner Seite entwickelt er sein Konzept assymetrischer Kriegsfuehrung fuer die Schweiz. Dabei geht er nicht davon aus, dass die Schweiz – wie alle westlichen Laender – Schauplatz und Opfer von Terroranschlaegen werden koennte, sondern phantasiert, dass eine Besetzung durch eine konventionelle, hochtechnologisierte Armee drohe. Nur angedeutet (aber das deutlich) wird, dass er den Feind in den USA vermutet. Gegen diese vermeintliche Bedrohung entwickelt er dann ein Konzept, das auch einer Terrororganisation passen koennte. Jede Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten wird hinfaellig, Kriegsvoelkerrecht ist irrelevant. Hier nur ein paar Schmankerln:

(…)

Die Bevölkerung darf ihre Gebiete auf keinen Fall verlassen.
Die gesamte Bevölkerung ist als eine bewaffnete Einheit anzusehen.
Sie handelt selbständig und steht nicht unter Kontrolle einer Führung.

(…)

Es gibt nur 2 Kampfverfahren: Hinterhalt und Überfall.
Auf der kurzen Distanz muss eine enge Verzahnung mit dem Gegner angestrebt werden.
Der Kampf wird durch keine Regel begrenzt.
Der Gegner wird mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft.

(…)

Interessanter finde ich Fady Barcha. Der Name Fadi/Fady ist natuerlich arabisch und heisst Erloeser. Dr. Fady Barcha ist Lehrbeauftragter an der Universitaet Zuerich im Fach Philosophie, wobei er sich auf Horkheimers Kritische Theorie spezialisiert hat. E-mail Adresse und Photo sind leicht zu finden:

So leicht wie Ernst Frieden kann ich Dr. Barcha nicht abtun. Meiner vielleicht naiven Vorstellung zufolge muesste sich ein Schweizer Akademiker etwas verschaemter geben, wenn es um antisemitische Klischees geht. Davon kann ich bei Dr. Barcha nichts spueren.

Ob das an seiner arabischen Herkunft liegt? Oder ist das pal. Narrativ in seinen Kreisen so voellig selbstverstaendlich und unhinterfragt, dass ihm gar nicht der Gedanke kommt, jemand koenne das mit Antisemitismus verbinden? Seine Kreise sind denjenigen, in denen auch ich verkehrt habe, nicht unaehnlich…

Ich schicke ihm den Link zu diesem Beitrag. Mal schauen, ob er sich aeussern mag.